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Punkt, Punkt, Komma, Strich

22 September 2016,   By ,   1 Comments

#SeuratSignacVanGogh

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Ich weiß gar nicht, ob ihr es wusstet, aber ich hätte mal fast Kunst studiert.

Aus verschiedenen Gründen habe ich mich nicht getraut, aber ich habe mir bei meinem Sprach- und Literaturstudium oft die Kunstthemen rausgesucht und meine Seminararbeiten in Italienisch über den Futurismus in Neapel und in Französisch über Émile Zolas Künstlerroman „L’Oeuvre“ geschrieben.

Daher freute es mich besonders, dass mich die Albertina letzte Woche zur Bloggerkonferenz im Rahmen der Ausstellungseröffnung von „Wege des Pointillismus“ (läuft bis 8.1.2017) eingeladen hat. Wir erhielten eine exklusive Führung und einen Blick hinter die Kulissen. Einige von euch haben die Berichterstattung ja bereits live unter dem Hashtag #SeuratSignacVanGogh auf Twitter, Instagram etc. mitverfolgt.

2016-09-16-18-24-08Der Fotograf Chris Waikiki sorgte mit seiner Begleitung, einem gepunkteten Bodypainting-Model, für Aufsehen.

Mal abgesehen davon, dass dort nun berühmte Werke von Vincent Van Gogh, Henri Matisse, Paul Klee und vielen anderen hängen, die ihr unbedingt sehen müsst(!), mache ich mir auch meine eigenen Gedanken zur Kunst damals und heute, im Zeitalter von Selfies, Filtern und Selbstdarstellungsvideostreams.

Die Pointillisten wurden Ende des 19. Jahrhunderts für ihre „Oberflächlichkeit“ kritisiert, weil sie den Fokus weg vom Bildmotiv und hin zur Art und Weise des Farbauftrags auf der Leinwand in Punkten, Strichen und kommaartigen Häkchen lenkten. In Anlehnung an die Wissenschaft untersuchten die Künstler die Entstehung der Farbe im Auge des Betrachters und legten den Grundstein für abstrakte Malerei. Piet Mondrian zerlegte die Welt dann vollständig in einfarbige geometrische Flächen, Linien und rechte Winkel, auf der Suche nach einer absoluten, gegenstandslosen Harmonie und einer „universalen Schönheit“.

Vielleicht geht unsere heutige, digitale Welt genau den umgekehrten Weg.

2016-09-16-23-25-44Aus computerberechneten Pixeln werden Bilder, Videos, Lichtinstallationen. Die originalgetreue Abbildung der Realität ist längst nicht mehr nur Künstlern und Fotografen vorbehalten. Mit Programmen wie Photoshop können wir Bilder beliebig bearbeiten, verfremden oder mit Instagram und Prisma Bilder mit kunstvollen Filtern aufpeppen, wie ich es während der Bloggerkonferenz getan habe.

Was bei den Pointillisten wochenlange, mühsame Atelierarbeit war, geht heute mit wenigen Klicks (wenn auch nicht in Öl auf Leinwand). Im Zeitalter des 3D-Drucks wird klassische Bildhauerei überflüssig.

Wir beherrschen also jetzt die Oberfläche.

Vielleicht wäre es nun wieder an der Zeit, uns den Inhalten und der tieferen Bedeutung jeder Darstellung zu widmen.

Aber was weiß ich schon, ich habe ja nicht Kunst studiert. ><

 

Bild 1: Henri Matisse, Papageientulpen, 1905 Öl auf Leinwand Albertina, Wien – Sammlung Baltliner (c) mit freundlicher Genehmigung der Albertina

Bild 2: Ivana Novoselac-Binder (rechts) und Kollegin mit Farbauswahl für Wandgestaltung vor Théo van Rysselberghes “Familie im Obstgarten”, 1890

Bild 3: Miriam Hygen, Nicole Makeup Your Style, Bildbearbeitung by Mel


1 Comment:

  1. Stephan Oeller sagt:

    Sehr schöner persönlicher Artikel

    Gruss

    Stephan

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